EIN RHEINER MORDS-FALL - KAPITEL 17

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HEIN WILL HEIM

Reto Hein taumelte weiter das Treppenhaus im Süd Trakt des Kantonsspitals Schaffhausen hinunter. Der linke Arm tat ihm weh, die Kugel aus der Dienstwaffe eines Polizeikollegen verfehlte ihn nur knapp. Ein Streifschuss. Er blutete. Doch er wusste, er musste weiter. Er hegte auch keinen Groll auf den Beamten, welcher auf ihn geschossen hatte, denn dieser machte nur seinen Job. Den beiden Wachtposten fielen beim Verlassen des Zimmers seine Schuhe auf. Kein Pfleger trug bei der Arbeit solch schweres Schuhwerk. Deshalb sind sie aufgeschreckt und hinter dem fake Pfleger her. Dass es sich dabei um Polizeihauptkommissar Reto Hein handelt, wären sie sehr wahrscheinlich etwas zimperlicher mit dem Gebrauch der Schusswaffe umgegangen. Hein erreichte das Erdgeschoss, rund zweieinhalb Stockwerke vor den beiden Polizisten. Er umklammerte mit der rechten Hand seinen linken Oberarm und öffnete mit dem Ellenbogen die Türe. Er flitzte nach draussen und bog gleich bei der nächsten Gelegenheit links ab. Auf einem Rollwagen lagen fein säuberlich zusammengefaltete Tücher. Er schnappte sich im Vorbeigehen eines und wickelte dieses um seinen blutenden Arm. Zügig ging er weiter und erreichte den Ausgang der Notfallklinik. Er überlegte nicht lange und hüpfte in den wartenden Bus der Linie 6 der Verkehrsbetriebe Schaffhausen. Kaum war er eingestiegen, schlossen sich die Türen und der Bus fuhr los. Er duckte sich soweit es ging nach unten und sah gerade noch, wie die Polizisten durch die Schiebetüre der Klinik ins Freie gerannt kamen. Hein atmete auf. Sein Herz raste wie wild. Er schaute nach vorne. Auf der Bus internen Anzeige stand «6 FALKENECK». Er dachte scharf nach. Sein Arm pochte. «Wepferstrasse», ertönte es aus den Lautsprechern. Hein drückte den roten Knopf, der Bus hielt an. Reto Hein stieg aus. Nach nur einer Haltestelle. Schnurstracks machte er sich auf den Weg in Richtung Startpunkt des Vitaparcours Geissberg und verschwand im Unterholz des Waldes.

 

Die zwei Polizisten machten umgehend Rapport per Funk, dass eine unbekannte Person bei Fabienne Pfammatter im Zimmer gewesen sei. Sie übermittelten eine Signalethik und beschrieben den Mann so gut sie konnten. Herbert Brönnimann, welcher den Funk ebenfalls mithörte, haute mit der flachen Hand auf die Schreibtischplatte. «Hein, du Hurensohn, was willst du? », rief er in sein Büro. Kurze Zeit später öffnete seine Sekretärin die Türe und streckte den Kopf hinein. «Alles gut Chef?», fragte sie schüchtern. Brönnimann winkte ab und gab ein Zeichen, dass sie die Türe wieder zumachen solle. Der Polizeikommandant griff zum Telefonhörer, wählte Bruno Meiers Nummer und wartete. Er trommelte nervös mit den Fingern der linken Hand auf die Tischplatte. «Hein ist im Spital», fauchte er ins Telefon. «Suchtrupp losschicken. Sofort.» Meier kam nicht zu Wort. Schon hörte er das Besetztzeichen. Er legte den Hörer auf und griff abermals danach und wählte die Nummer der Hundestaffelführerin. «Ines», flötete er in die Muschel, «hier ist Bruno vom Verkehr. Könntest du mir einen Gefallen machen und zwei deiner Leute zum Kantonsspital hochschicken?» Die andere Seite bejahte seine Anfrage. Sie tauschten sich noch über die Details ab und Bruno Meier legte auf. Er schüttelte den Kopf. Er griff in seine Hosentasche und zückte sein privates Mobiltelefon hervor. In seinen Kontakten wählte er «RETO HEIN», tippte auf den Namen und wählte die Handynummer. Sofort hörte der die Comebox. Er wartete bis zum Signalton, dann sprach er eine Nachricht auf: «Reto, hier ist Bruno vom Verkehr. Ruf mich bitte auf meiner privaten Natel Nummer zurück. Es ist dringend verdammt nochmal. Der Alte sucht dich um jeden Preis. Irgendetwas stimmt hier nicht. Melde dich. Ciao.» Er legte auf und liess sich in seinen Sessel zurückfallen. Wieder schüttelte er den Kopf.

 

Reto Hein folgte dem Vita Parcours Trail durch den Schaffhauser Geissberg. Sein Arm schmerzte. Der Streifschuss hinterliess eine klaffende Fleischwunde. Er hatte das Tuch, welches er mitlaufen liess, in Stücke gerissen und sich einen behelfsmässigen Verband gebastelt, die Spitalkleidung bei Posten drei ausgezogen und in die schwarze Mülltonne geschmissen. Er biss die Zähne zusammen und ging weiter. Weiter dem Trail folgend. Er kam zu einer Lichtung nördlich des Spitalkomplexes. Hier war ein Umspannwerk des EKS, den Elektrizitätswerken des Kantons Schaffhausen. Er ging an den beiden Gebäuden vorbei und verschwand gleich wieder im Wald. Er stolperte weiter den Abhang hinunter in Richtung Mühlental. Nach ein paar Minuten erreichte er den Weinsteig. Er folgte der Strasse abwärtsgehend und kam schliesslich an die Kreuzung zur Einmündung in die Mühlentalstrasse. Er schaute sich kurz um und sah rechter Hand den Touristenzug «RHEINFALL EXPRESS» stehen. Er überlegte nicht lange und steuerte direkt auf das Zugfahrzeug zu. Die Türe stand offen, der Schlüssel steckte. Er stieg ein, drehte den Schlüssel, der Diesel sprang an. Er löste die Handbremse und trat auf das Gaspedal. Die Komposition mit zwei Wagen setzte sich in Bewegung. Reto Hein fuhr in Richtung Schweizersbild davon. Zeitgleich parkte Herbert Brönnimann sein SUV auf dem Parkplatz der Notfallstation des Kantonsspitals Schaffhausen. Er deponierte das Schild «POLIZEI IM EINSATZ» auf dem Armaturenbrett hinter der Windschutzscheibe, stieg aus, richtete seinen Anzug und zupfte die Krawatte zurecht. Zielstrebig ging er zum Haupteingang, wo er von den beiden wartenden Beamten empfangen wurde.  

 

Als Reto Hein an sich selbst im Wald die Wunde am linken Oberarm behelfsmässig verband, erwachte nur einige wenige hundert Meter weit entfernt seine Partnerin Fabienne Pfammatter aus dem Koma. Sie blinzelte mit den Augen und realisierte langsam aber sicher wo sie war. Sie bewegte die Finger der linken Hand und spürte dabei, dass sie ein Kästchen in der Hand hielt. Sie hob langsam den Arm, kniff die Augen zusammen und Begriff, dass sie den Alarmtaster in der Hand hielt. Ganz langsam schob sie den Daumen auf den roten Knopf und drückte. Dann liess sie den Arm wieder auf das Bett zurücksacken. Sie versuchte den Kopf zu drehen, was ihr aber nur ganz wenig gelang. Die Türe ging auf und eine Schwester kam hereingesprungen. «Frau Pfammatter», sagte sie freudig, «schön, sind sie wieder bei uns.» Gerne hätte Fabienne Pfammatter geantwortet, geschweige denn gelächelt. Doch der Beatmungsschlauch in ihrem Mund verunmöglichte dies. Sie deutete mit dem linken Arm auf den Mund. Die Schwester rief eine zweite Kollegin dazu und entfernten den Schlauch. Fabienne musste husten und rang nach Luft, als die Lungen wieder die eigene Atemfunktion übernahmen. Wieder musste sie husten und musste Schleim ausspucken. «Hier, trinken sie erst einmal Wasser», ermahnte die Schwester. Sie steuerten mit der Bedienung des Bettes das Kopfteil an und fuhren dieses langsam nach oben. Soweit, dass Fabienne etwas aufrechter war. Die andere Schwester hielt ihr das Glas an die Lippen. «Trinken Sie.» Pfammatters Mund war staubtrocken und sie war froh über die Flüssigkeit. Es tat gut. Die Schwester setzte das Glas ab, stand auf und ging mit der Kollegin nach draussen. «Wir kommen gleich wieder mit dem diensthabenden Arzt zurück. Danach können wir sie vielleicht von den restlichen Schläuchen trennen.» Die Beiden verliessen das Zimmer, schlossen die Türe und liessen sie alleine. Pfammatter verspürte Schmerzen in der Brust. Ihr Hals brannte. Sie versuchte sich zu entspannen. Dann spürte sie in der rechten Hand etwas. Langsam hob sie diese nach oben und führte die Linke zur Rechten. Die Finger wollten noch nicht so recht mit der Koordination. Aber schliesslich schaffte sie es und fingerte den Papierschnipsel aus ihrer Faust. Sie öffnete ihn vorsichtig, kniff die Augen zusammen und las: «Du hattest recht. RH.» Sie musste es mehrmals lesen. Dann Begriff sie, was dastand. Ihr Puls begann zu rasen. Sie überlegte in ihrem Delirium, was sie tun könnte. «Ich muss hier weg», schoss es ihr immer und immer wieder durch den Kopf. Dann klopfte es an der Türe. Ein paar wenige Sekunden später öffnete sie sich. Fabienne dachte, dass die Schwestern mit dem Arzt zurückkommen würden. Falsch gedacht. In ihrem Zimmer stand der Schaffhauser Polizeikommandant Herbert Brönnimann.

 

Reto Hein wusste, dass er mit seinem auffälligen Gefährt nicht lange unerkannt bleiben würde. Er fuhr mit dem Rhyfall Express Gespann durch das Industriequartier Längenberg, am IWC Manufakturgebäude entlang weiter in das Merishausertal hinein. Er versucht alles aus der Komposition mit den zwei Anhängern herauszuholen und drückte das Gaspedal voll durch. Der Motor der Zugmaschine röhrte und er musste mächtig aufpassen, dass der Zug nicht ins Schlingern geriet. Er grübelte nach, was er als nächstes tun könnte, denn er musste seinen Chef Herbert Brönnimann und die Komparsen zu Fall bringen. Vor der wichtigen Abstimmung über die Hochrheinautobahn. Denn er wusste, dass das Ergebnis, sollte das Stimmvolk die Vorlage annehmen, mit einhundertprozentiger Wahrscheinlichkeit manipuliert sein würde. Er wollte, wenn immer möglich, zu sich nach Hause nach Hallau durchschlagen um sich dort die Beweise zurecht zu legen und die Überführung vom Polizeikommandanten vorbereiten. Er wusste aber, dass zwischen ihm und seinem Häuschen noch ein grösseres Hindernis lag. Der Randen. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Ein langjähriger Schulfreund von ihm hatte in Merishausen eine Autogarage. Er überlegte nicht lange und fuhr bei Rolf Baumer auf den Hof. Er stoppte sein Gefährt, brachte den Motor zum Schweigen und stieg aus. Lässig schlug er die Türe zu und lief zum Eingang. Rolf Baumer sass an seinem Schreibtisch und beendete gerade ein Telefonat. «Welch Glanz in unserer Hütte», johlte der Garagier hinter dem Tresen hervor und grinste. Hein grinste zurück und entgegnete: «So kann es gehen, Rolf, altes Haus. Alles klar bei dir?» Der Automechaniker nickte und blickte durch das Fenster nach draussen. «Na? Polizeiarbeit bringt wohl nichts mehr ein, was? Fährst du jetzt schon Touristen zum Rheinfall?» Er lachte schallend. Hein klopfte mit der Faust auf den Tresen und lachte mit. «Nicht ganz, Rolf, nicht ganz. Die Lage ist weitaus delikater. Könntest du mir einen gefallen machen und im Mühlental beim REX anrufen, dass die Kiste hier steht?» Reto kniff die Augen zusammen und machte einen spitzigen Mund. Sein Kumpel wurde wieder ernst. Er merkte, dass sein alter Schulfreund nicht zum Spassen aufgelegt war und nickte. «Klar doch. Scheinst in der Klemme zu stecken, was?» Der Polizist nickte, rieb sich das Kinn und ergänzte: «Sag mal Rolf, du könntest mir nicht zufälligerweise ein Motorrad ausleihen?» «Jetzt schlägt’s aber dreizehn», sagte Baumer und klopfte ebenfalls mit der Faust auf die Holzplatte. «Machst jetzt einen auf James Bond im Reiat? Na dann komm mal mit, altes Haus.» Er trat mit seinem ölverschmierten Blaumann hinter dem Tresen hervor, stand vor Reto Hein und winkte ihm er solle ihm folgen. «Dank», sagte dieser und trottete dem Mechaniker hinterher. Sie gelangten durch eine Holztüre in die Werkstatt. Hier waren die Mitarbeiter mit Reparaturen beschäftigt und würdigten die Beiden keines Blickes. «Hier lang», murmelte Baumer und ging weiter durch das Reifenlager in einen kleinen Nebenraum. Er schob ein paar zusammengefaltete Kartons beiseite und zupfte ein schwarzes Tuch weg. Und hier stand sie. Eine silberfarbene BMW R65 mit Alugussrädern und Boxermotor. Ungefähr dreissig Jahre alt und praktisch ungebraucht. Baumer schob die Maschine zur Ausgangstüre, öffnete diese und bugsierte sie ins Freie. Dann rollte er die BMW zur Zapfsäule, öffnete den Tankdeckel und füllte Benzin. Als der Tank voll war und er den Tankschlauch wieder hingehängt hatte watschelte er ohne ein Wort zu sagen zurück in die Werkstatt. Einen kurzen Augenblick später kam er mit einer Kanne, ging zum Motorrad zurück und kniete sich vor den Motor. Er drehte ein paar Hebelchen und füllte Öl nach. Dann stand er auf, stellte die Ölkanne auf die Zapfsäule, drehte sich in Richtung Hein und meinte: «So, dann wollen wir mal.» Hein grinste. Nach dem dritten Startversuch startete die Maschine, Reto klatschte in die Hände. Eine blaue, stinkende Wolke schoss aus dem Auspuff. Aber die Maschine lief. «Bitte sehr», schrie Baumer in den Motorenlärm. «Wäre schön, wenn du sie zurückbringst. Irgendwann.» Hein umarmte seinen Schulfreund, rannte in den Raum wo die Maschine stand und kam kurze Zeit später mit Halbschalenhelm auf seinem Kopf und einem Rucksack auf seinem Rücken zurück. Er zeigte mit seinem Zeigefinder auf die beiden Sachen, lachte und sagte: «Die auch.» «Du änderst dich nie, Hein.» Baumer schüttelte lachend den Kopf, Hein stieg auf das Motorrad, sie umarmten sich und zum Abschied brüllte der Polizist: «Besser nicht. Danke Rolf.» Er gab Gas und fuhr knatternd vom Platz. Er folgte dem kleinen Strässchen in Richtung Randen durch das Doschdetaal. Er wollte schnellstmöglich heim.

 

FORTSETZUNG FOLGT...

 

 

 

Fieberhafte Suche nach Reto Hein. Kann er sich der immer enger werdenden Schlinge entziehen?

EIN RHEINFALL-KRIMI IN STÜCKEN UND ANDEREN KÖRPERTEILEN

MORDEN IM NORDEN DER SCHWEIZ

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