EIN RHEINER MORDS-FALL - KAPITEL 4

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UND IMMER NOCH MONTAG

Die Stimmung in der Waldhütte «ZUM STAUFFEHAU» war gedrückt. Die Personen waren alle in schwarze Umhänge gehüllt. Auf der Brusthöhe rechts war ein mit rotem Faden gesticktes Symbol von Flügeln zu erkennen und jeder trug auf der linken Brust eine Nummer. Diese Nummern waren mit purpurnem Faden in den samtigen Stoff des Umhangs eingenäht worden. Der Raum, in dem sich elf Personen aufhielten, war puristisch eingerichtet. Ein grosser Holztisch mit der genau gleichen Anzahl Holzstühlen, die Wände aus Holz, der Boden auch. Vom Zustand her dürfte der Raum mindestens fünfzig Jahre alt sein. Das Symbol der Flügel fand sich auch auf jeder Stuhllehne. Eingeschnitzt. Ein gleiches Zeichen war auch über der schweren Holztüre eingraviert. Einer der elf Anwesenden trug einen roten Umhang mit schwarzer Gravur und schien der Anführer der schwarzen Umhänge zu sein. «Setzen», sagte der mit dem roten Umhang mit tiefer, sonorer Stimme. Die Anwesenden trugen alle ihre Kutten ziemlich eng und hatten ihre Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Sie setzten sich zeitgleich auf die schweren Holzstühle. Das reiben von Holz auf Holz war zu hören und zwischendurch ein Quietschen, als würde jemand mit einer Kreide auf der Wandtafel schreiben. So sassen die Elf schweigend an dem alten Holztisch, die Köpfe gesenkt, so dass ihre Gesichter nicht zu erkennen waren. Der Vorsitzende ergriff das Wort: «Engel», er machte eine lange Pause und setzte wieder an: «Über das vergangene Wochenende haben wir ganze Arbeit geleistet. Dies ist der Verdienst von Nummer fünf und Nummer acht!» Die Anwesenden begannen mit den Knöcheln der rechten Hand auf den Tisch zu klopfen, als Zeichen der Anerkennung. «Ruhe», zischte der im roten Umhang und sprach weiter: «Wir haben nun die Ersten entfernt und werden unsere Arbeit fortsetzen.» Ein zustimmendes Raunen ging durch die Runde. Wieder wurde geklopft. Die Stimme unterbrach: «Engel, die nächsten Ziele sind bekannt, da diese nicht auf unsere Forderungen eintreten wollen. Nummer sechs und neun werden diesen Auftrag in unserem Sinne ausführen und darüber ausführlich berichten. Damit ist das heutige Treffen beendet. Abtreten wie immer gestaffelt und in Formation.» Wieder machte er eine Kunstpause, niemand traute sich etwas zu sagen. Schliesslich fügte er an: «Licht und Freiheit!» «Licht und Freiheit!», brüllten die zehn anderen aus einer Kehle. Dann standen Nummer zehn und Nummer zwei vom Tisch auf, gingen wortlos zur Türe, verliessen den Raum und liessen die schwere Holztüre zuknallen. Kurze Zeit später hörte man das Starten von Motoren. Zwei Fahrzeuge verliessen den Staufferberg in unterschiedliche Richtungen. Gute zehn Minuten später gab der Vorsitzende ein Zeichen mit einem Klopfen auf den Tisch. Die Nummern neun und drei verliessen, ebenfalls wortlos, den Raum. Wieder Motorengeräusche und wieder verliessen zwei Autos «zum Stauffehau» in unterschiedliche Richtungen. Der Eine in Richtung Hemmental, der Andere in Richtung Löhningen. Man hätte fast einen Wecker danach richten können, klopfte es wieder auf den Tisch. Nummer acht und vier waren an der Reihe, danach, immer im gleichen Zeitabstand und immer in entgegen gesetzter Richtung, die Nummern sieben und fünf. Es folgten noch die Sechs und die Eins. Wieder dasselbe. Nur die Nummer elf, der Mann im roten Umhang blieb noch eine ganze Weile länger sitzen und schien auf etwas oder jemanden zu warten. Die Holztüre öffnete sich plötzlich und wurde ganz aufgemacht. Eine Person in einem purpurnen Umhang stand unter dem Türrahmen. Der Flügel auf der rechten Brustseite war mit goldenem Faden gestickt, die Nummer links: DREIZEHN. Mit silbernem Faden. Auch diese Person hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sie setzte sich in Bewegung auf Nummer elf zu und man sah während dem Gehen die Schuhe. Es waren rabenschwarzen Lack High Heels. Jeder Schritt war hörbar: «Klack! Klack! Klack!» Sie stellte sich hinter Nummer elf, bückte sich auf Kopfhöhe hinunter und sagte mit sanfter, fast schon flüsternder Stimme: «Ausgezeichnet, elf!» Sie tätschelte mit der linken Hand seine Schulter und man sah für einen kurzen Moment die Purpur lackierten Fingernägel. Dann drehte sie sich um. «Klack! Klack! Klack!» Die Türe viel ins Schloss und nur kurze Zeit später hörte Nummer elf ein Auto wegfahren. Er liess einen tiefen Seufzer los. Stand auf, klappte seine Kapuze hinunter und hielt aber sein Gesicht immer in Richtung Türe oder Fahrzeug, so dass ja niemand zufälligerweise sein Konterfei von vorne sehen konnte. Er verliess, nachdem er die Hütte mehrfach abgeschlossen hatte, den Schauplatz auf seinem vorgesehenen Weg. Es war mittlerweile elf Uhr dreissig. Also kurz vor Mittag.

 

Die Streife brachte Reto Hein und Fabienne Pfammatter schnurstracks zum Weiler «Mettli» unweit von Dachsen. Das Polizeiauto brachte die Beiden direkt an den Rheinuferweg zum Fundort des Kopfes. Der Wagen war noch nicht zum Stillstand gekommen, schon riss Hein die Beifahrertüre auf und hüpfte auf den Kiesweg. Auf dem Weg hatte er sich bereits mit dem stellvertretenden Leiter der Spurensicherung, Remo Hässig, kurzgeschlossen und sich die wichtigsten Angaben geben lassen. «Hässig!», schrie er ans Rheinufer. «Hein!», schrie dieser zurück. Unterdessen war auch Pfammatter aus dem Auto ausgestiegen und lief zum Gerichtsmediziner. In ihrem Walliser Dialekt fragte sie ihn: «Salü Michel. Was meinst Du, ist das der Kopf zum Kopflosen Körper von heute Morgen früh?» Der Gerichtsmediziner schob seinen Mundschutz zur Seite und wiegte den Kopf in seinen, mit Gummihandschuhen überzogenen, Händen hin und her und meinte: «Zu 90 % ja. Frauenkopf passt. Aber ich muss in der Gerichtsmedizin noch DNA Spuren vergleichen und die Stelle, wo der Körper vom Kopf abgetrennt wurde. Morgen früh weiss ich mehr.» Fabienne nickte wortlos und schlenderte in Richtung Ufer. Sie stiess zu den beiden Hitzköpfen. Hein mochte Hässig nicht und umgekehrt. So war denn auch die Stimmung am Ufer eher angespannt. «Der Gerichtsmediziner meint, es könnte zu neunzig Prozent der Kopf zum kopflosen Körper sein. Geschlecht stimmt schon mal. Bis morgen früh wissen wir Bescheid.» Sie platzte zwischen die Beiden mit den News. «Gut», sagte Reto Hein und wandte sich vom stellvertretenden Leiter der Spurensicherung ab und packte Fabienne unter dem Arm und schob ein «Komm, lass uns gehen!» hinterher. «Was ist los?», fragte Pfammatter erstaunt. «Ich mag diesen inkompetenten Idioten nicht mehr sehen», flüsterte er ihr ins Ohr. «Viel konnte er nicht sagen, der Hund hat viele Spuren verwischt oder kaputt gemacht. Aber so viel steht fest, der Jutesack stammt von der Getreidemühle Schaffhausen.» Sie liefen zurück zur Streife und stiegen wieder ein. «Zurück zum Rheinfall, bitte», sagte Pfammatter zum Streifenpolizist und zückte ihr Smartphone. Hein tat ihr gleich. Er drehte sich zu ihr nach hinten und lächelte. «Dusche?», fragte er. «Dusche!», sagte sie mit einem verführerischen Lächeln. Er drehte den Kopf wieder nach vorne und schmunzelte über beide Ohren. Sie senkten beide ihre Köpfe und scrollten in ihren iPhones herum. Fünfzehn Minuten später sassen beide in ihren Autos und waren auf dem Weg nach Hause. Fabienne Pfammatter hatte Reto Heins Avance auf eine gemeinsame Dusche bei ihm dankend mit den Worten «Reto, du weisst doch wie das das letzte Mal geendet hat» abgelehnt. Weitere fünfzehn Minuten später standen beide in ihren Wohnungen. Hein in seinem als Wohnhaus umfunktionierten alten Rebhäuschen und Pfammatter in ihrer Altstadtwohnung mitten in Schaffhausen beim Fronwagplatz mit Blick über die Dächer zum Munot. Geschlagene 20 Minuten stand Reto Hein unter der heissen Dusche und genoss das Wasser. Wie immer nutzte er die Zeit um zu grübeln und zu kombinieren. Sein auf lautlos gestelltes Mobiltelefon konnte er in dieser Zeit nicht hören und umso erstaunter war er deshalb, als er, nur mit einem Handtuch umwickelt, sein Handy in die Hand nahm und zehn verpasste Anrufe auf dem Display stehen hatte. Alle von derselben Nummer. Alle von seinem Chef. Dem Schaffhauser Polizeikommandanten Herbert Brönnimann. Er tippte auf einen verpassten Anruf. «Reto», sagte dieser ohne dass Hein etwas sagen konnte. «Was gibt’s», antwortete er. «Vor wenigen Minuten sind zwei Vermisstmeldungen bei uns eingegangen!», sprach Brönnimann in ruhigem Ton weiter. «Und?», fragte Reto gespannt. Der Polizeikommandant räusperte sich und fuhr fort: «Setz dich lieber!» Er machte eine lange Kunstpause. Hein wurde ungeduldig und ergänzte: «Mach es nicht so spannend, los, sag schon!» Noch eine Kunstpause und dann sagte Polizeikommandant Herbert Brönnimann, fast schon flüsternd: «Der Schaffhauser Tourismusdirektor Philipp Hagmann und die Schaffhauser Regierungs-rätin Vreni Mühlemann!» Hein setzte sich. «Wow!», war das einzige was er heraus-brauchte und fügte hinzu: «Ich komme!» Er legte auf, zog sich etwas frisches an, schnappte Autoschlüssel und Jacke, rannte zu seinem Land Rover und fuhr so schnell es ging in Richtung Schaffhausen. Von unterwegs wählte er Pfammatters Mobiltelefonummer. «Hast du mich schon vermisst?», züngelte sie. «Keine Zeit zum Flirten, Fabienne. In fünfzehn Minuten beim Big Boss. Ich glaube das wird ein Mordsfall. Ciao, bis nachher!» Er legte ohne eine Antwort abzuwarten auf, schaltete bei seinem Land Rover das Blaulicht und die Sirene an und bretterte wie eine gestochene Tarantel durchs Klettgau. Fabienne Pfammatter hatte es da leichter. Sie war zu Fuss in fünf Minuten im Büro. Sie föhnte noch ihre rote Mähne, trug dezentes Make-Up auf, griff zur Handtasche und Mantel und zog die Türe ihrer Maisonettewohnung hinter sich zu. In ihrem Deux-Pièce mit den hohen Stiefeln war sie ein echter Hingucker. Aber das wusste sie und nutzte dies immer wieder zu ihrem Vorteil aus.

 

Reto Hein war zuerst in Herbert Brönnimanns Büro. Fabienne Pfammatter folge im auf dem Fusse. Brönnimann wies wortlos mit der Hand auf den leer stehenden Stuhl neben Hein. Pfammatter nahm die Geste an und setzte sich. Hein schaute zu ihr hinüber und rollte mit den Augen. «Also», der Polizeikommandant räusperte sich und fuhr fort: «Wir müssen davon ausgehen, dass es sich bei den beiden vermissten Personen, dem Schaffhauser Tourismusdirektor Philipp Hagmann und der Schaffhauser Regierungs-rätin Vreni Mühlemann um die beiden Todesopfer handelt. Hagmann war für eine Woche Skiferien in den Bündner Bergen gemeldet, ist dort aber nach unseren ersten Recherchen nie erschienen und wurde, genauso wie Vreni Mühlemann, heute Morgen zu einem Meeting im Regierungsrat erwartet. Beide sind unentschuldigt ferngeblieben und sind nicht an ihren Wohnorten aufzufinden. Beide Mobiltelefone sind sehr wahrscheinlich ausgeschaltet, da direkt der Anrufbeantworter einschaltet. Bei beiden!» Pfammatter sass gebannt in ihrem Sessel und machte sich Notizen, Hein räusperte sich und unterbracht seinen Chef. «Warum dann die Vermisstmeldung erst heute Morgen?» «Weil Vreni Mühlemanns Mann über das Wochenende mit einer Männerrunde im Skiweekend weilte und erst heute Morgen nach Hause kam und Philipp Hagmanns Frau ihre Skiferien mit Freundinnen in Zermatt verbrachte. Darum.» Brönnimann zischte sein letzte Wort vor sich hin und ergänzte: «Die Gerichtsmedizin macht nun einen DNA Abgleich.» Pfammatter pfiff durch die Zähne, Hein nickte. Der Polizeidirektor schaute beide nachdenklich an. «Ich muss euch beiden ja nicht sagen, wie sensibel dieser Fall ist und wie wir, sobald das an die Presse rausgeht, akribisch beobachtet werden. Bis auf weiteres, kein Wort zu irgendwem. Ich plane eine Pressekonferenz morgen Dienstag auf 10 Uhr. Bis dahin müssen wir mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, wer die Leichen sind und ob sie allenfalls identisch sind mit den beiden Vermissten. Das wars.» Sie erhoben sich von den Sesseln, schüttelten dem Polizeichef die Hand und verliessen wortlos dessen Büro. Sie sprachen kein Wort miteinander. Erst als sie in ihrem Büro waren und die Türe hinter sich zugeknallt hatten durchbrach Fabienne Pfammatter das Schweigen: «Reto, weisst du was das bedeuten würden, wenn die Vermissten mit den Leichen übereinstimmten? Das wird ein Erdbeben geben in Schaffhausen.» Er kniff die Augen zusammen und schaute dabei aus dem Fenster rüber zum Munot. «Yup», sagte er. «Ein riesen Scheiss wird das und das kurz vor den Wahlen. A propos, haben wir eine Liste mit den Kandidaten und Kandidatinnen der Regierungsratswahlen?» Er drehte sich zu Fabienne, die ihm bereits eine Liste unter die Nase hielt. «Et voilà», grinste sie. «Danke», entgegnete er überhöflich. Ein leises «PING» unterbrach ihren Flirtversuch. Fabienne griff zur Maus, scrollte über den schwarzen Bildschirm und öffnete Outlook. «Reto, schau mal» und drehte den Bildschirm leicht zu ihm rüber. Das Mail kam aus der internen IT-Abteilung und enthielt die Analyse der Videodatei. Pfammatter überflog die Zeilen und fasste für Reto zusammen. «Gefilmt mit einer Infrarotkamera, blablabla, Standort oberhalb Rheinfallquai was ziemlich identisch ist mit dem Fundort des Stativs, blablabla, hochprofessionelle Verschlüsselung, blablabla, IP-Adresse Standort Weinstrasse 111 in Hallau.» Hein zuckte zusammen und schrie vor Erregung: «Was?» Fabienne begann nochmals von vorne, Reto unterbrauch sie. «Nein, die Adresse», knurrte er. «Weinstrasse 111, Hallau!», wiederholte sie und fragte verwundert: «Warum?» «Weil das meine Adresse ist!» «Stimmt!», antwortete sie erstaunt. «Jetzt wo du es sagst.» «Komm», sagte er, «wir müssen nach Hallau!»

Das Symbol der «FLYING ANGELS», welches auf den Umhängen eingestickt ist. Wer oder was steckt dahinter?

EIN RHEINFALL-KRIMI IN STÜCKEN UND ANDEREN KÖRPERTEILEN

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